Dem Menschen unserer Zeit ist das Bild der Erdoberflache vertraut. Globus und Atlas geben ihm genauen AufschluB uber die Verteilung von Wasser und Land, uber Gestalt und Gliederung der Kontinente und die Weite der Meere. Auf der Nordhalbkugel ballen sich danach die Landmassen zusammen, werden nach Suden schmaler und weichen schlieBlich ganz den groBen Ozeanen. Nur um den Sudpol herum ragt der antarktische Kontinent als eine groBe Landmasse aus den riesigen Wasserflachen heraus.
Die groBte zusammenhangende Landflache bilden die Erdteile der Alten Welt, Asien, Europa und Afrika, die durch tiefeingreifende Meeresbuchten reich gegliedert sind. Weit im Sudosten verbindet die Inselbrucke des Malaiischen Archipels die Alte Welt mit dem kleinsten Erdteil, Australien. Auch die Neue Welt, die vom hohen Norden bis tief nach Suden den Atlantischen vom Stillen Ozean scheidet, ruckt im auBersten Nordwesten an der BeringstraBe auf fast 100 km an Asien heran, wahrend im Nordosten eine untermeerische Schwelle mit den Inseln Island und Faroer nach Europa hinuberleitet. Das eiserfullte Polarmeer wird demnach fast ringsum von den groBen Erdteilen umrahmt. Das Gebiet um den Sudpol dagegen wird von dem Erdteil Antarktika, dem einsamsten und verlassensten, eingenommen, der durch einen breiten Packeisgurtel und sturmische Meere von der ubrigen Welt geschieden ist.
Globus und Atlas geben auch ein Bild vom Aufbau der Erdraume und Landschaften mit ihren Gebirgen und Hochflachen, Beckenlandschaften und Ebenen, Flussen und Seen. Ein reiches geographisches Schrifttum gibt jedem Wissensdurstigen Auskunft uber die verschiedenen klimatischen Verhaltnisse, uber Pflanzen-und Tierwelt, uber die Bewohner der einzelnen Gebiete, ihr Aussehen und ihre Sitten, ihre Wirtschaft und die Schatze, die sie aus dem Boden beben, ihre Kultur und politischen Organisationen. Selbst uber die Tiefen der Ozeane und die Gestalt des Meeresbodens ist vieles bekannt dank der Fahrten zahlreicher Forschungsschiffe, von denen die englische Korvette „Challenger" (l 872—76) und das deutsche Vermessungsschiff „Meteor" (1925—27 und 1938) am erfolgreichsten waren. Es kann daher kaum noch eine Frage nach einem Erdraum oder einer Landschaft gestellt werden, die nicht in irgendeiner Form beantwortet werden konnte.
Wer denkt freilich noch daran, daB dieses Erdbild verhaltnismaBig jungen Datums ist? Wer weiB, welche Unsumme an Arbeit und Muhe, an Opfern und Entbehrungen es gekostet hat, ehe ein Schleier nach dem anderen von unbekannten Landern und Meeren gehoben werden konnte? Wieviel wagemutige Manner muBten hinausziehen, Entbehrungen und Drangsale auf sich nehmen, um immer neue Raume und neue Volker aus dem Dunkel zu losen! Langsam, in Jahrhunderte, ja Jahrtausende wahrendem Kampf um die Erkenntnis muBte Mosaikstein um Mosaikstein zusammengetragen werden, bis jenes groBartige Gesamtbild entstand, das wir heute von der Erde besitzen. Erst in unserem Jahrhundert
sind, besonders in den Polargebieten, die letzten Steine eingesetzt worden, aber noch immer sind manche Einzelheiten unscharf und warten der eingehenden Bearbeitung.
Amerika, jener groBe Doppelkontinent zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean, ist erst vor wenig mehr als 450 Jahren von Europa aus entdeckt, der Westen der USA gar erst vor rund 100 Jahren bekannt geworden. Erst im 16. Jahrhundert begann die ErschlieBung Sibiriens; zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde Australien zum ersten Male gesichtet. Das Innere Afrikas, des Europa so nahen Erdteils, wurde erst in der zweiten Halfte des vorigen Jahrhunderts entschleiert. Die Antarktis, der sechste Kontinent, wurde 1895 zum ersten Male betreten; dieses gewaltige Eisland gibt ebenso wie die heiBen Wusten des Inneren Sudarabiens und andere menschenleere Gebiete erst heute allmahlich seine Geheimnisse preis.
Die Entdeckung und Eroberung der Erde dauert an, seit es Menschen als vernunftbegabte Wesen gibt. Die Entdeckungsgeschichte ist aufs engste mit der allgemeinen Menschheitsgeschichte verknupft; uber weite Zeitraume hinweg macht sie sogar einen wesentlichen Teil der Weltgeschichte
money. Sie setzt ein, als der erste Mensch begann, bewuBt aus seinem engen, von der Natur gegebenen Lebenskreis herauszutreten. Zogernd tastete er zunachst seine Umgebung ab. Ganz allmahlich mag er sich uber den nachsten Hugel oder Felsvorsprung hinweg zum benachbarten Tal oder im Wald bis zum nachsten Wasserlauf vorgewagt haben, standig auf Abwehr drohender Gefahren bedacht. Langsam weitete sich sein Gesichtskreis. Als Jager und Sammler drang er tiefer in die Walder ein. Sie verwehrten ihm freilich weite Sicht; nur ein FluBlauf, den er auf rohem Fahrzeug befuhr, lieB ihn hie und da groBere Entfernungen uberwinden. Dem Nomaden, der mit seinen Herden uber Steppen und Halbwusten zog, offnete sich dagegen schon fruh ein umfassenderes Blickfeld.